Diabetes-Patienten werden häufig zu intensiv behandelt
Wenn Diabetes zu intensiv behandelt wird, können die entsprechenden Medikamente Probleme mit sich bringen. Forschungen der Mayo Clinic vom August 2019 zeigten, dass in den USA 2,3 Millionen Patienten höchstwahrscheinlich viel zu intensiv behandelt werden (1).
Überbehandlung bei Diabetes ist gang und gäbe
Das Forscherteam rund um Dr. Rozalina McCoy, Endokrinologin an der Mayo Clinic, überprüfte die Konsequenzen der intensiven zuckersenkenden Therapie in den USA.
Es zeigte sich, dass viele Patienten mehr Medikamente erhalten, als anhand ihrer Langzeitzuckerwerte (HbA1c) nötig wäre. Viele von ihnen werden innerhalb von zwei Jahren ins Krankenhaus eingewiesen oder kommen sogar direkt in die Notaufnahme (meist aufgrund von Hypoglykämien = Unterzuckerungen).
Laut Dr. McCoy sind besonders jene Patienten betroffen, die an mehreren chronischen Erkrankungen leiden, die an Typ-1-Diabetes leiden, die älter sind und die mit Medikamenten wie Insulin oder Sulfonylharnstoffen behandelt werden.
Bei letzteren handelt es sich um orale Medikamente, die dafür sorgen, dass die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin ausschüttet.
Überbehandlung führt zu neuen Nebenwirkungen
„Zwar sind einige Hypoglykämie-Episoden sicherlich unvermeidbar, insbesondere wenn sie durch nicht veränderbare Risikofaktoren (z. B. die Notwendigkeit einer Insulintherapie) verursacht werden, aber andere, wie im Fall einer Überbehandlung, können vermeidbar sein“ erklärt Dr. McCoy.
Schon in einer früheren Studie (von 2016) hatte sich anhand von über 30.000 Patienten ergeben, dass mehr als 20 Prozent der Typ-2-Diabetiker, die noch nicht Insulin spritzten, eine so intensive medikamentöse Therapie erhielten, die gar nicht nötig wäre.
Bei jenen Patienten, die schon einen fortgeschrittenen Diabetes hatten, verdoppelte die intensive Therapie das Risiko einer Hypoglykämie (2) – und zwar unabhängig von anderen Risikofaktoren.
Nebenwirkungen einer Überbehandlung
Wer dauerhaft an einem erhöhten Blutzuckerspiegel leidet, könnte früher oder später Opfer der typischen Folgeerkrankungen werden. Dazu zählen Nieren- oder Augenschäden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder eine Polyneuropathie, also Schäden der peripheren Nerven insbesondere in den Beinen.
Daher werden offenbar vorsichtshalber hohe Dosen der blutzuckersenkenden Medikamente verordnet, um diese Komplikationen in jedem Falle zu verhindern.
Aus dieser Vorsichtsmaßnahme entstehen dann aber neue Probleme, die erwähnten Hypoglykämien.
Dr. McCoy erklärt: „Ein niedriger Blutzuckerspiegel ist eine der häufigsten schwerwiegenden Nebenwirkungen einer Blutzucker-Therapie.
Sie ist mit einem erhöhten Risiko für Tod, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, kognitiven Beeinträchtigungen, Stürzen und Brüchen sowie einer schlechten Lebensqualität verbunden."
Mehr Risiken als Nutzen
Gerade bei älteren DiabetikerInnen, die meist mehrere chronische Erkrankungen gleichzeitig haben, „kann eine „normnahe“ Einstellung des Blutzuckers bereits eine Übertherapie bedeuten.
Bei ihnen überwiegen die Risiken den angestrebten Nutzen (3) der medikamentösen Behandlung (3)“, schrieb schon 2017 das Ärzteblatt, wo auch Hinweise zur Situation in Deutschland gegeben werden:
Hierzulande seien „insbesondere Patienten über 70 Jahre mit makroangiopathischen Folgekomplikationen hinsichtlich ihrer Stoffwechseleinstellung „als überbehandelt zu klassifizieren“ und dadurch „potenziell einem erhöhten Risiko für behandlungsbedingte Nebenwirkungen ausgesetzt“, wird eine Querschnittsanalyse mit fast 900.000 Patienten genannt.
Unter „makroangiopathischen Folgekomplikationen“ versteht man die Folgen z. B. einer Arteriosklerose, wie etwa Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Bei Diabetes Überbehandlungen verhindern und individuell therapieren
Dr. McCoy rät, bei Diabetes weniger blutzuckerorientiert zu behandeln, sondern vielmehr personenorientiert. Man müsse die Therapie de-intensivieren, vereinfachen und so die Behandlungsbelastung und die Nebenwirkungen für den Patienten verringern.
Achten Sie auch als Patient oder Angehöriger darauf, ob es möglicherweise häufig zu Symptomen eines Unterzuckers kommt, die dem Arzt sofort gemeldet werden sollten. Zu diesen Symptomen gehören z. B. Zittern, Herzklopfen, Unruhe, Sehstörungen, Heißhunger, Schwitzen, unsicherer Gang, Alpträume, morgens hohe Nüchternblutzuckerspiegel etc.
Denken Sie bei einer Diagnose auch daran, dass Sie selbst sehr viel dagegen tun können. Lesen Sie z. B. unseren Artikel Diabetes ist heilbar.