Bestimmte Medikamente erhöhen Risiko für Demenz
Anticholinergika (z. B. manche Antidepressiva) können bei älteren Menschen bereits nach kurzfristiger Einnahme die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen und zu Symptomen führen, die an eine Demenz erinnern. Sie können zu Verwirrtheitszuständen, Schlaf- und Gedächtnisstörungen sowie zu Halluzinationen führen (2).
Lesen Sie dazu auch unseren Artikel Zu Hause gesund, im Krankenhaus plötzlich dement (unter „Anticholinergika verursachen Verwirrung“).
Daher verhält es sich gemäß den ärztlichen Leitlinien so, dass Anticholinergika gebrechlichen Menschen besser nicht verschrieben werden sollten.
Was sind Anticholinergika?
Anticholinergika sind Medikamente, die den Neurotransmitter Acetylcholin – ein wichtiger Botenstoff im Nervensystem – blockieren. Manche Antidepressiva gehören in diese Arzneimittelgruppe, z. B. Amitriptylin, Dosulepin und Paroxetin.
Auch Medikamente, die bei überaktiver Blase verordnet werden (häufiges Wasserlassen, Harninkontinenz), wie Tolterodin und Solifenacin sowie das Parkinsonmedikament Procyclidin sind Anticholinergika.
Risiko auch noch 20 Jahre nach der Einnahme erhöht
In einer Studie der University of East Anglia (UK), die im British Medical Journal veröffentlicht wurde, hat sich gezeigt, dass Antidepressiva aus der Gruppe der Anticholinergika noch 20 Jahre, nachdem man sie längst abgesetzt hat, zur Entwicklung einer Demenz beitragen können (3).
Ähnliche Zusammenhänge ergaben sich für die oben genannten Blasen- und Parkinsonmedikamente.
Das Forscherteam hatte die Daten von 40.770 Patienten überprüft, die alle an Demenz litten und über 65 Jahre alt waren. Verglichen wurden sie mit den Daten von über 283.000 Personen, die gesund waren, also keine Anzeichen von kognitiven Störungen aufwiesen.
Je häufiger Anticholinergika genommen wurden, umso eher entwickelte sich eine Demenz
Studienleiter Dr. George Savva sagte:
"Wir stellten in unserer Studie fest, dass Personen mit Demenz in früheren Jahren überdurchschnittlich häufig Antidepressiva oder andere Medikamente aus der Gruppe der Anticholinergika verschrieben bekommen hatten.
Das Risiko, kognitive Störungen zu entwickeln, stieg überdies mit der Dosis und Dauer der Einnahme dieser Mittel.
Natürlich wissen wir nicht, ob diese Medikamente tatsächlich kognitive Beeinträchtigungen verursachen können. Unter Umständen wurden sie gegen Beschwerden verschrieben, die bereits erste Anzeichen einer Demenz waren.
Da der Zusammenhang jedoch auch dann besteht, wenn die Arzneimittel 15 bis 20 Jahre vor der Demenzdiagnose eingenommen wurden, ist es eher unwahrscheinlich, dass es sich beim Grund der Verschreibung um frühe kognitive Beeinträchtigungen gehandelt haben könnte.“
Erst depressiv, dann dement?
Da es weltweit 350 Millionen Menschen mit Depressionen oder Problemen mit der Blase gibt, werden ausgerechnet Antidepressiva und Blasenmedikamente extrem häufig verordnet, nämlich an 13 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen in den USA und dem Vereinigten Königreich, darunter auch zahlreiche Anticholinergika.
Glücklicherweise konnte man wenigstens keine Zusammenhänge zwischen kognitiven Beeinträchtigungen und jenen Anticholinergika entdecken, die bei Heuschnupfen, Reisekrankheit und Bauchkrämpfen gegeben werden, so Dr. Doug Brown, Sprecher und Forschungsleiter der Alzheimer-Gesellschaft.
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Anticholinergika nur nehmen, wenn es keine Alternativen gibt
Ärzte sollten Anticholinergika wirklich nur dann verordnen, wenn es für den jeweiligen Patienten keine Alternative gibt. Als Patient (oder Angehöriger eines Patienten) sollten Sie die Ihnen verschriebenen Medikamente nie ohne vorherige Überprüfung einnehmen (Beipackzettel lesen!).
Sollten Sie ein Rezept für z. B. Antidepressiva aus der Gruppe der Anticholinergika erhalten, machen Sie Ihren Arzt auf die hier vorgestellte Studie aufmerksam und bitten Sie ihn um unbedenklichere Alternativen.
Gehen Sie genauso vor, wenn Sie die genannten Medikamente bereits einnehmen. Setzen Sie sie also nicht plötzlich ab, sondern sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Alternativen.
Falls Sie noch weitere Medikamente nehmen, überprüfen Sie, ob sich Ihre Depressionen oder sonstigen Beschwerden nicht erst als Nebenwirkung eines dieser anderen Arzneimittel entwickelt haben könnten.
Denn Depressionen können bei etlichen Medikamenten als Nebenwirkung auftreten. Dann nämlich benötigen Sie womöglich gar keine Antidepressiva, sondern eine grundsätzlich andere Medikation. Lesen Sie dazu unseren Artikel Depressionen durch Medikamente.