Glyphosat: Neue Studie zeigt Krebsrisiko
Im Juni 2025 veröffentlichte ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Ramazzini-Instituts in Bologna eine Studie zur Langzeitwirkung von Glyphosat (1). Das Ergebnis:
Eine lebenslange Belastung mit sehr niedrigen Dosen des umstrittenen Unkrautvernichters führte bei Ratten zu einer signifikanten Zunahme an Tumoren – darunter Brustkrebs, Leukämien und Schilddrüsenkrebs.
Die Studie liefert neue Informationen zur nach wie vor ungeklärten Frage: Ist Glyphosat krebserregend?
Die Studie im Überblick
Die Untersuchung ist Teil der sogenannten Global Glyphosate Study und gilt als die bislang umfassendste Langzeit-Tierstudie zu diesem Wirkstoff.
Behandelt wurden rund 900 Ratten – von der Embryonalphase ab dem sechsten Tag der Schwangerschaft bis zum natürlichen Lebensende, also über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren.
Dabei wurden sowohl reines Glyphosat als auch zwei gängige Herbizid-Formulierungen (Roundup Bioflow und RangerPro) in verschiedenen Dosierungen mit dem Trinkwasser verabreicht – darunter auch Dosen, die unterhalb oder im Bereich der von Behörden als „sicher“ geltenden Grenzwerte lagen.
Es zeigte sich, dass Tiere, die Glyphosat aufgenommen hatten, mit signifikant höherer Wahrscheinlichkeit bösartige Tumoren bekamen als Kontrolltiere. Besonders betroffen waren weibliche Tiere, bei denen Brust- und Ovarialtumoren deutlich häufiger auftraten.
Auch bei männlichen Ratten zeigten sich Veränderungen – und zwar in Leber, Schilddrüse und Haut. Bemerkenswert ist vor allem der Umstand, dass viele dieser Effekte bereits bei der niedrigsten verabreichten Dosis auftraten – jener Dosis, die der täglich als unbedenklich geltenden Aufnahmemenge (ADI) in der EU entspricht.
Behörden sehen mehrheitlich kein Krebsrisiko bei Glyphosat
Während die Forscherinnen und Forscher des Ramazzini-Instituts ihre Ergebnisse als Bestätigung dafür sehen, dass Glyphosat das Potenzial zur Krebsentstehung besitzt, widersprechen viele staatliche Aufsichtsbehörden dieser Einschätzung nach wie vor.
So stuft die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA (European Food Safety Authority) Glyphosat derzeit als nicht krebserregend ein – zumindest nicht unter Berücksichtigung realer Expositionsmengen in Lebensmitteln.
Auch die US-amerikanische Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) sieht keinen überzeugenden Beweis für eine krebserzeugende Wirkung beim Menschen.
Anders die Ansicht der IARC (International Agency for Research on Cancer), einer zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehörenden Krebsforschungsagentur.
Sie hatte Glyphosat bereits 2015 als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ (Gruppe 2A) eingestuft – gestützt unter anderem auf Tierstudien und aufgrund von Hinweisen auf genotoxische Wirkungen. Die nun erschienene Studie aus Italien könnte diese Einschätzung weiter stützen.
Lassen sich die Studienergebnisse auf Menschen übertragen?
Die Studie ist wissenschaftlich relevant und liefert Hinweise, die bei der toxikologischen Gesamtbewertung von Glyphosat berücksichtigt werden sollten. Sie ist aber nach wie vor nicht ausreichend, um endgültige Aussagen über Krebsrisiken beim Menschen zu treffen.
Nachfolgend die Vor- und Nachteile der Ramazzini-Studie:
Die Vorteile
Es handelt sich um eine Langzeitstudie. Sie untersuchte die Wirkung von Glyphosat über den gesamten Lebenszyklus – bereits ab der pränatalen Phase. Solche Studien sind selten und können wertvolle Hinweise auf chronische Effekte geben.
Es wurden auch Dosen getestet, die im Bereich der erlaubten täglichen Aufnahmemenge für den Menschen liegen. Das macht die Ergebnisse potenziell relevanter für die Allgemeinbevölkerung.
Die Nachteile
Manche Aspekte sprechen auch gegen eine direkte Übertragbarkeit auf den Menschen.
An der Studie nahmen die besonders tumoranfälligen Sprague-Dawley-Ratten teil, eine Züchtung, die von Natur aus zu bestimmten Tumorarten neigt, was die Interpretation erschwert.
Andere große Studien (z. B. von EFSA, BfR oder EPA) kamen bislang nicht zu dem Schluss, dass Glyphosat krebserregend ist, WENN es vorschriftsmäßig verwendet wird.
Glyphosat und seine ökologischen „Nebenwirkungen“
Selbst wenn Glyphosat für Menschen unbedenklich wäre, müssen auch seine Auswirkungen auf die Umwelt berücksichtigt werden – denn dort wird es schließlich flächendeckend ausgebracht.
Glyphosat wirkt nicht nur tödlich auf sogenannte Zielpflanzen, sondern beeinflusst auch das Bodenleben: Es verändert die Zusammensetzung von Bodenbakterien und Pilzen, reduziert nützliche Mikroorganismen und kann das Wachstum problematischer Arten wie Fusarium fördern.
Zudem kann Glyphosat Mikronährstoffe im Boden binden, etwa Eisen, Zink oder Mangan – was langfristig die Bodenfruchtbarkeit beeinträchtigen kann.
Auch Regenwürmer reagieren empfindlich – und zwar mit einer verringerten Reproduktionsrate und reduzierter Aktivität.
Bienen werden durch Glyphosat nicht sofort getötet, zeigen aber Störungen im Orientierungssinn – vermutlich durch Beeinflussung der Darmflora. Dies schwächt ihr Immunsystem und erschwert die Rückkehr zum Stock. Das Mittel tötet somit nicht direkt, sondern subtil.
Indirekt trägt Glyphosat auch zum Sterben vieler anderer Insekten bei, da es sämtliche Begleitpflanzen vernichtet – und damit Blühpflanzen, Nahrungsquellen und Lebensraum verschwinden lässt.
Auch im Wasser ist Glyphosat problematisch. Die giftigsten Effekte wurden zwar mit älteren Formulierungen beobachtet, doch auch reines Glyphosat kann negative Auswirkungen auf Amphibienlarven (z. B. Kaulquappen) und Wasserorganismen haben – vor allem bei dauerhafter Belastung.
Statement von Bayer: Zweifel an der Studie – und am Institut
Bayer, der Hersteller der in der Studie verwendeten Herbizide Roundup BioFlow und RangerPro, wies die neuen Ergebnisse zurück (2). Der Konzern äußerte sich kritisch über die Methodik der Untersuchung:
Man erkenne „gravierende methodische Mängel“. Gleichzeitig versucht Bayer, die aktuelle Studie des Ramazzini-Instituts u. a. mit Verweis auf frühere umstrittene Arbeiten des Instituts zu entwerten.
Das aktuelle Forschungsteam unterscheidet sich jedoch wesentlich vom bekannten „Séralini-Team“, das 2012 mit einer stark kritisierten Langzeitstudie zu Roundup in die Schlagzeilen geriet.
Die aktuelle Untersuchung wurde von einem interdisziplinären, internationalen Wissenschaftskonsortium getragen und vereint ExpertInnen aus renommierten Universitäten, medizinischen Instituten und öffentlichen Gesundheitsbehörden. Es ist daher nicht haltbar, frühere Kritiken am Institut auf diese neue Arbeit zu übertragen.
Bayer betont unterdessen weiterhin die Sicherheit seiner Glyphosat-Produkte und verweist auf mehr als 50 Jahre weltweiten Einsatz. Allerdings sah sich der Konzern allein in den USA gezwungen, bislang über 100.000 Klagen mit Vergleichszahlungen in Höhe von rund 11 Milliarden US-Dollar beizulegen.
Die Kläger (meist Landwirte) führten in der Regel an, dass der langjährige Einsatz von Roundup ihre Krebserkrankung – meist ein Non-Hodgkin-Lymphom – verursacht habe (eine Art Lymphdrüsenkrebs).
Dabei wurde dem Hersteller vorgeworfen, nicht ausreichend vor möglichen Gesundheitsrisiken gewarnt zu haben, obwohl intern Hinweise auf ein mögliches Krebsrisiko bekannt gewesen seien. In vielen Fällen wurden außerdem Marketingpraktiken und die gezielte Einflussnahme auf wissenschaftliche Studien kritisiert.
In einem aktuellen Urteil wurde Bayer beispielsweise von einem US-Gericht zu einer Zahlung von 611 Millionen Dollar (3) an drei Kläger verurteilt, die ebenfalls Roundup für ihre Krebserkrankung verantwortlich machten und dem Unternehmen vorwarfen, die Risiken bewusst verschwiegen zu haben. Bayer hat angekündigt, gegen das Urteil in Berufung zu gehen.
Fazit:
Glyphosat ist nach wie vor umstritten. Die neue Studie unterstützt die Vermutung, das Mittel könnte krebserregend sein – auch in geringen Dosen, wenn diese kontinuierlich aufgenommen werden.
Ein Verbot von Glyphosat allein löst jedoch nicht automatisch das Problem. Die konventionelle Landwirtschaft würde auf Alternativen ausweichen, die oft ebenfalls umstritten oder möglicherweise noch gefährlicher wären.
Ein echter Wandel braucht nicht nur Ersatzstoffe, sondern ein Umdenken im Anbausystem: weniger Monokultur, mehr Diversität, intelligentere Technik, und eine Politik, die diesen Wandel aktiv fördert.
Was jedoch jeder schon jetzt tun kann: Im eigenen Garten auf chemische Spritzmittel verzichten – und mit dem Kauf von Bio-Produkten klar signalisieren: Wir möchten keine umstrittenen Produkte – weder im Essen noch in der Umwelt.